Der Tod und das Mädchen

Am 25. und 26. November sowie am 3., 5. und 6. Dezember 2015 zeigte Scenario eine Adaption von Der Tod und das Mädchen von Ariel Dorfman mit einem alternativen dritten Akt und nüchterner Kammerspielatmosphäre. Am 15. und 16. Mai 2016 folgte dann ein Gastspiel im Theater im Romanischen Keller in Heidelberg.

Über das Stück

Fünfzehn Jahre ist es her, dass die Militärjunta mit eiserner Hand herrschte: wer auch nur in den Verdacht kam, gegen die Diktatur zu arbeiten, verschwand von der Straße in eine der zahlreichen geheimen Foltereinrichtungen, und viele kehrten nicht mehr wieder. Doch jetzt triumphiert eine friedliche Revolution und die Demokratie hält endlich Einzug, wenngleich auch zunächst nur zögerlich.

Als Zeichen der neuen Zeit soll es eine Kommission unter der Leitung des jungen aufstrebenden Anwalts Gerardo Escobar geben, die zumindest die schlimmsten Verbrechen dokumentiert. Erfreut über die Aussicht auf diese wichtige und prestigeträchtige Position eilt Gerardo in sein Landhaus zu seiner Frau Paulina, doch erfährt man bald, dass sie seine Freude nicht völlig teilt. Sie selbst ist damals grausamen Verhören zum Opfer gefallen, und nun bedeuten die engen Grenzen, in denen Gerardos Kommission arbeiten soll, dass ihre Erlebnisse nicht Teil der Untersuchung ihres Mannes sind.

Als der Arzt Roberto Miranda, der zuvor Gerardo bei einer Reifenpanne geholfen hatte, in dem abgelegenen Haus vorbeikommt, bilden seit fünfzehn Jahren unverheilte Wunden und Vorwürfe zusammen mit der Frage, wer wem in dieser Konstellation glauben kann, die Bühne für eine atemberaubende Jagd nach Wahrheit, Vergebung und einem Ausweg aus dem tödlichen Wechselspiel aus Schuld und Sühne.

Ensemble

Paulina Escobar Dorothee Winkler
Gerardo Escobar Harald Papp
Roberto Miranda Micha Himpel
Militärs Andreas Neusch
Johannes Herden
Steffen Luippold
Regie · Militär Thomas Rösner


In Heidelberg

Kritik

Peinigender Prozess

Theater Scenario spielt in der alten Anatomie „Tod und das Mädchen“

Was passiert mit Kriegsverbrechern, nachdem der Frieden wieder eingekehrt ist? Und was passiert mit den Opfern?

Die Tübinger Theatergruppe Scenario spielt das Stück „Der Tod und das Mädchen“ des chilenischen Autors Ariel Dorfman, das in einer verstörenden Annäherung versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Alles läuft gut für Gerardo Escobar (Harald Papp): 15 Jahre nach Beendigung des Militärregimes wird der aufstrebende Anwalt vom Präsidenten persönlich in eine neue Untersuchungskommission einberufen, die zumindest die schlimmsten Verbrechen, die während der Diktatur verübt wurden, aufklären soll. Tatsächlich ist das eine sehr persönliche Aufgabe für den Anwalt: Seine Frau Paulina (Dorothee Winkler) ist damals selbst verschleppt und gefoltert worden. Dass der Untersuchungsausschuss nun lediglich an den Fällen mit Todesfolge arbeiten soll, ist traumatisierten zuwider.

In Folge einer Reifenpanne lernt Gerardo den Arzt Roberto Miranda (Micha Himpel) kennen, der kurz darauf überraschend im Strandhaus des Ehepaars Escobar vorbeikommt. Paulina meint in ihm ihren ehemaligen Peiniger wiederzuerkennen. Sie überwältigt den Doktor und beschließt, ihn als Geisel festzuhalten um einen persönlichen Prozess gegen ihn durchzuführen. Mit einem
Revolver bewaffnet, verhört sie den gefesselten Roberto und weist damit gleichzeitig ihren rechtstreuen Ehemann in seine Schranken.

Für den ist die Situation kaum auszuhalten; als Anwalt zählen für ihn nur stichhaltige Beweise, die Pauline ihm nicht liefern kann. Gerardo zuliebe bekundet die Gepeinigte, den Doktor laufen zu lassen, sofern er nur ein umfassendes Geständnis ablegt. Bis zum Schluss werden auch die Zuschauer über die Schuldfrage im Unklaren gelassen — eine beklemmende Spannung, die ihre Wirkung im kleinen Hörsaal der alten Anatomie, wo das Stück aufgeführt wird, besonders eindrücklich entfaltet.

„Man kann jede der Figuren zu mindest ein bisschen verstehen“, so Winkler, Darstellerin der Paulina und angehende Lehrerin im echten Leben. Normalerweise spielt die Theatergruppe Scenario, die großteils aus Studierenden besteht, nur ein Stück am Ende des Semesters. Da Winkler und ihr Kompagnon Himpel zum kommenden Aufführungstermin verhindert sind, beschloss die Truppe, in diesem Semester zwei Stücke auf die Bühne zu bringen.

„Schon seit Jahren rede ich davon, ,Der Tod und das Mädchen‘ aufzuführen“, so der IT-Berater Thomas Rösner, der die Regie bei den Aufführungen übernommen hat. Deswegen sei die Wahl schließlich auf das Drama für drei Personen gefallen. miw

Quelle: Schwäbisches Tagblatt vom 3.12.2015